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Cannabis & Medizin

CBD bei Epilepsie: Von Dravet-Syndrom bis Lennox-Gastaut

Redaktion BlattWerk e.V.13 min LesezeitAktualisiert: 2026-06-17

Epidiolex® (pharmazeutisches CBD) ist das erste pflanzliche Cannabinoid-Medikament mit FDA-Zulassung und EU-Zulassung für schwere kindliche Epilepsiesyndrome. Wie wirkt CBD antiepileptisch?

Hinweis: Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung. Bei gesundheitlichen Fragen wende dich bitte an einen Arzt.

## Cannabis und Epilepsie: Eine uralte Verbindung

Die Behandlung von Epilepsie mit Cannabis ist historisch tief verwurzelt. In Mesopotamien wurden vor 3.000 Jahren Krampfanfälle mit Hanfzubereitungen behandelt. Der britische Arzt William O'Shaughnessy berichtete 1843 über erfolgreiche Anfallsbehandlungen mit Hanf-Tinktur in Indien. In der westlichen Pharmazie des 19. Jahrhunderts war Cannabistinktur in Epilepsiebehandlungen verbreitet, bevor synthetische Antikonvulsiva (Phenobarbital, 1912) sie verdrängten.

Jahrzehntelang schlummerte die Forschung – bis zu den viralen YouTube-Videos Anfang der 2010er Jahre, die zeigten, wie Charlotte Figi, ein kleines Mädchen mit Dravet-Syndrom, nach CBD-Öl-Behandlung dramatisch weniger Anfälle hatte. Diese Videos lösten eine globale Forschungswelle und eine Elternbewegung aus, die Gesetzgebung veränderte.

## Das Dravet-Syndrom: Wenn herkömmliche Medikamente versagen

Das Dravet-Syndrom (auch Severe Myoclonic Epilepsy of Infancy, SMEI) ist eine seltene, genetisch bedingte Epilepsieform, die meist im ersten Lebensjahr mit langen febrilen Anfällen beginnt. Mutationen im SCN1A-Gen – das für einen Natriumkanal in Gehirnzellen kodiert – sind ursächlich. Betroffene Kinder leiden unter häufigen, lang andauernden Anfällen verschiedener Arten, dazu kommen kognitive Entwicklungsverzögerungen und Verhaltensauffälligkeiten.

Das Besondere und Tragische am Dravet-Syndrom: Es spricht auf die meisten klassischen Antiepileptika nicht an, einige (vor allem Natriumkanalblocker wie Lamotrigin, Carbamazepin) können die Anfälle sogar verschlimmern. Valproat und Clobazam bieten partielle Kontrolle, aber keine vollständige.

## Das Lennox-Gastaut-Syndrom

Das Lennox-Gastaut-Syndrom (LGS) ist eine weitere schwere kindliche Epilepsieform mit verschiedenartigen Anfallstypen (tonische, atonische, atypische Absence-Anfälle), charakteristischen EEG-Mustern und intellektuellen Entwicklungsstörungen. Es ist für etwa 5 % aller Epilepsiefälle im Kindesalter verantwortlich und ebenfalls oft therapieresistent.

## Epidiolex® – von Einzelfallberichten zur FDA-Zulassung

Epidiolex® (in der EU: Epidyolex®) ist eine pharmazeutisch standardisierte CBD-Lösung (100 mg/ml) des britischen Herstellers GW Pharmaceuticals (heute Jazz Pharmaceuticals). Sie enthält über 98 % reines Cannabidiol, gelöst in Sesamöl mit Sucralose und Erdbeeraroma.

### Der Weg zur Zulassung

Nachdem Elterninitiativen in den USA intensiv Lobbying betrieben und Einzelfallberichte sich häuften, finanzierte GW Pharmaceuticals umfassende klinische Studien. Das Programm umfasste über 500 Patienten in Phase-III-Studien:

CARE1 (Dravet, 2017): 120 Kinder; CBD (20 mg/kg/Tag) reduzierte konvulsive Anfälle um 39 % gegenüber 13 % bei Placebo. 5 % der CBD-Gruppe wurden anfallsfrei.

CARE2 (Dravet, 2017): 171 Kinder; niedrigere (10 mg/kg) und höhere Dosis (20 mg/kg) vs. Placebo; beide aktiven Arme signifikant überlegen.

GWPCARE3/4 (LGS, 2018): Signifikante Reduktion von Sturzanfällen (atonische und tonische Anfälle); CBD 50 % Responder-Rate deutlich höher als Placebo.

2018 erteilte die FDA die Zulassung für Epidiolex® bei Dravet-Syndrom und Lennox-Gastaut-Syndrom – die erste je erteilte FDA-Zulassung für ein pflanzliches Cannabinoid-Medikament. 2019 folgte die EMA-Zulassung (als Epidyolex®) in der EU. In Deutschland ist es damit als verschreibungsfähiges Medikament im normalen Rezeptweg (kein BtM-Rezept erforderlich, da CBD nicht BtM-pflichtig) erhältlich.

2020 wurde die Indikation auf tuberöse Sklerose erweitert.

## Wirkmechanismus: Wie wirkt CBD antiepileptisch?

Die antiepileptische Wirkung von CBD ist komplex und unterscheidet sich grundlegend vom THC-Wirkmechanismus:

### 1. Natriumkanal-Modulation CBD hemmt spannungsabhängige Natriumkanäle (Nav1.1, Nav1.6) – besonders relevant bei Dravet-Syndrom, wo Nav1.1-Mutationen vorliegen. Durch Hemmung dieser Kanäle stabilisiert CBD übererregbare Nervenmembranen.

### 2. Kalziumkanal-Modulation CBD hemmt spannungsabhängige Kalziumkanäle (T-Typ), die bei der Entstehung bestimmter Anfallsmuster (Absence-Anfälle) eine Rolle spielen.

### 3. GPR55-Antagonismus GPR55 ist ein Orphan-Rezeptor, der bei Überaktivierung die neuronale Erregbarkeit steigert. CBD ist ein potenter GPR55-Antagonist und dämpft dadurch Übererregbarkeit.

### 4. Adenosin-Reuptake-Hemmung CBD hemmt die Wiederaufnahme von Adenosin – einem endogenen Neurotransmitter mit antikonvulsiver Wirkung. Erhöhte Adenosinspiegel reduzieren Anfallsbereitschaft.

### 5. Entzündungshemmung Neuroinflammation trägt zur Anfallsentstehung bei. CBD hat ausgeprägte anti-inflammatorische Eigenschaften (Hemmung von Mikroglia-Aktivierung, IL-6, TNF-α).

CBD wirkt also über mehrere unabhängige Mechanismen – dies könnte erklären, warum es bei therapieresistenten Epilepsieformen wirkt, die auf einzelne Ionenkanal-gerichtete Antiepileptika nicht ansprechen.

## Wechselwirkungen: Die Interaktion mit Clobazam

Ein wichtiger klinischer Befund: CBD interagiert signifikant mit Clobazam (einem häufig verwendeten Antiepileptikum). CBD hemmt das Leberenzym CYP2C19, das für den Abbau von Clobazam verantwortlich ist. Das führt zu erhöhten Clobazam-Spiegeln und – vor allem – zu stark erhöhten Spiegeln des aktiven Metaboliten N-Desmethylclobazam (NCLB). Dies kann zu verstärkter Wirksamkeit und Nebenwirkungen (Sedierung, Schwindel) führen. Bei kombinierter Gabe ist eine Dosisanpassung von Clobazam häufig notwendig.

Weitere relevante Wechselwirkungen: CBD hemmt auch CYP3A4 und CYP1A2, was zu veränderten Spiegeln von Valproat, Stiripentol und anderen Antiepileptika führen kann. Therapeutisches Drug Monitoring ist bei Kombination essenziell.

## Dosierung und praktische Anwendung

Epidiolex®/Epidyolex® wird einschleichend dosiert: - Startwoche: 2,5 mg/kg zweimal täglich (5 mg/kg/Tag) - Erhaltungsdosis: 5–10 mg/kg zweimal täglich (10–20 mg/kg/Tag) - Maximaldosis: 20 mg/kg/Tag

Die Titration erfolgt über mindestens zwei Wochen. Bei Clobazam-Komedikation Dosisanpassung.

## Nebenwirkungen

Die häufigsten Nebenwirkungen in klinischen Studien: - Schläfrigkeit/Sedierung (23 %): Oft dosisabhängig, häufiger bei Clobazam-Kombination - Verminderter Appetit (16 %) - Diarrhoe (20 %) - Erhöhte Leberwerte (Transaminasen): Bei bis zu 10 % der Patienten, meist vorübergehend; Regelmäßige Leberwert-Kontrollen sind erforderlich, besonders bei Valproat-Komedikation.

## Was ist mit anderen Epilepsieformen?

Die Zulassung gilt für spezifische Epilepsiesyndrome. Für andere therapieresistente Epilepsieformen (CDKL5-Deficiency Disorder, Rett-Syndrom, etc.) gibt es Fallberichte und kleinere Studien mit positiven Ergebnissen. Präparate-Cannabisblüten oder andere Cannabis-basierte Mittel werden off-label eingesetzt. Die Evidenz ist hier deutlich schwächer als für die zugelassenen Indikationen.

## Bedeutung für Deutschland

In Deutschland können Patienten mit Dravet-Syndrom, LGS und tuberöser Sklerose Epidyolex® über normale Arztrezepte (kein BtM-Rezept) erhalten. Die Kostenübernahme durch gesetzliche Krankenkassen ist bei zugelassener Indikation grundsätzlich gegeben. Für andere Epilepsieformen ist eine individuelle Begründung und oft ein Widerspruchsverfahren notwendig.

> Hinweis: Dieser Artikel richtet sich an Betroffene, Angehörige und Interessierte. Therapieentscheidungen bei Epilepsie sind hochgradig individuell und müssen mit einem Epilepsie-Spezialisten (Neuropädiater, Epileptologe) besprochen werden.

Über diesen Artikel

Verfasst und geprüft von der Redaktion BlattWerk e.V. — lizenzierte Anbauvereinigung in Hildesheim. Unsere Artikel basieren auf dem aktuellen Stand der Gesetzgebung, wissenschaftlichen Publikationen und unserer praktischen Erfahrung als Cannabis Social Club.

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