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Geschichte & Kultur

Cannabis in der Kolonialzeit: Hanf, Handel und Kontrolle

Redaktion BlattWerk e.V.12 min LesezeitAktualisiert: 2026-06-17

Im 16.–19. Jahrhundert war Hanf ein strategisch wichtiger Rohstoff der Kolonialreiche – für Segel, Seile und Papier. Gleichzeitig wurde Cannabis als Genussmittel in den Kolonien zunehmend kriminalisiert.

## Hanf als Fundament kolonialer Seemacht

Die europäischen Seefahrtsnationen – Portugal, Spanien, die Niederlande, England und Frankreich – verdankten ihre maritime Expansion zu einem erheblichen Teil einer unscheinbaren Pflanze: Cannabis sativa in ihrer faserreichen Nutzhanf-Form. Im Zeitalter der Entdeckungen (15.–17. Jahrhundert) waren Hanfseile und Hanfsegel buchstäblich unverzichtbar. Ein einziges Linienschiff der britischen Royal Navy im 18. Jahrhundert benötigte bis zu 60 Tonnen Hanffaser – für Tauwerk, Segeltuch, Kalfaterung und Takelung.

### Der Hanfgürtel: Russland als Hauptlieferant

Großbritannien importierte im 18. und frühen 19. Jahrhundert über 90 % seines Industriehanfs aus Russland. Die Regionen um Riga, Archangelsk und Sankt Petersburg entwickelten sich zu den wichtigsten Hanf-Exportzentren der Welt. Russische Gutsbesitzer und die Zarenkrone profitierten enorm von der britischen Nachfrage. Als Napoleon 1807 im Tilsiter Frieden Russland zwang, dem britischen Handelsblockade beizutreten (Kontinentalsperre), war einer der Hauptstreitpunkte eben dieser Hanfhandel – Russland konnte auf die britischen Einnahmen nicht verzichten.

### Koloniale Hanfproduktion in Amerika

Britische Kolonisten in Nordamerika wurden aktiv ermutigt – teils rechtlich verpflichtet – Hanf anzubauen. Im Jahr 1619 verabschiedete die Virginia Assembly ein Gesetz, das alle Grundbesitzer zum Hanfanbau verpflichtete. Ähnliche Gesetze gab es in Maryland und anderen Kolonien. Die Kolonien sollten die Mutterland-Abhängigkeit von russischem Hanf verringern. In der Praxis blieb amerikanischer Hanf jedoch qualitativ minderwertig und konnte die Importnachfrage nie vollständig ersetzen.

## Cannabis als Genussmittel in den Kolonien

Neben dem Hanfanbau stieß Europa in den Kolonien auf eine lebendige Tradition des Cannabis-Konsums – eine Tradition, die es aktiv verdrängt hat.

### Indien und das Britische Raj

Britische Kolonialadministratoren in Indien konfrontierten sich ab dem frühen 19. Jahrhundert mit einer tief verwurzelten Cannabis-Kultur. Bhang (essbare Cannabis-Zubereitung aus Milch und Gewürzen), Ganja (getrocknete Blüten) und Charas (handgeriebenes Harz) waren feste Bestandteile hinduistischer Feste, sufistischer Praktiken und der alltäglichen Lebensweise breiter Bevölkerungsschichten. Der britische Kolonialstaat war zunächst pragmatisch: Er besteuerte den Cannabis-Handel, ähnlich wie er Opium besteuerte. Die 1893/94 eingesetzte Indian Hemp Drugs Commission – eine der gründlichsten je durchgeführten Untersuchungen zu Cannabis – kam nach umfangreichen Befragungen zu dem Schluss, dass moderater Cannabiskonsum kaum schädlicher sei als Alkohol und eine Verbotsgesetzgebung unverhältnismäßig und kontraproduktiv wäre. Trotzdem blieb Cannabis unter britischer Kontrolle stärker reguliert und wurde in die frühe internationale Drogengesetzgebung einbezogen.

### Afrika: Cannabis und Arbeitsmigration

In Süd- und Ostafrika – insbesondere im heutigen Südafrika, Mosambik und Zimbabwe – war Cannabis (lokal als Dagga bezeichnet) seit Jahrhunderten Teil der Zulu-, Sotho- und anderen Bantu-Kulturen. Britische und niederländische Kolonisatoren betrachteten Cannabis zunächst mit Misstrauen, vor allem weil migrierende Minenarbeiter Cannabis nutzten, um die extreme Belastung der Bergarbeit zu ertragen. Südafrika war 1923 das erste afrikanische Land, das Cannabis auf Druck der Kolonialregierung in die Liste verbotener Substanzen beim Völkerbund aufnehmen ließ – ein Schritt, der die globale Prohibition maßgeblich beförderte.

### Karibik und Lateinamerika

Indentured labourers (Vertragsarbeiter) aus Indien, die nach Abschaffung der Sklaverei nach Trinidad, Jamaika und anderen karibischen Inseln kamen, brachten ihre Cannabis-Tradition mit. Lokal als Ganja bekannt, fand die Pflanze rasch Eingang in die afrokaribische Kultur und wurde – Jahrzehnte später – ein zentrales Element der Rastafari-Bewegung. In Mexiko war Cannabis (Cannabis) im 19. Jahrhundert unter Unterschichten weit verbreitet. US-amerikanische Interessen ab den 1910er Jahren nutzten anti-mexikanische Stimmungen, um Cannabis mit Einwanderer-"Bedrohungen" zu verknüpfen – ein rassistisch motivierter Diskurs, der die US-Prohibition maßgeblich antrieb.

## Die Haager Opiumkonvention und der Beginn der globalen Cannabis-Prohibition

Das Jahr 1912 markiert einen Wendepunkt. Die Haager Opiumkonvention – ursprünglich auf Opium und Kokain abzielend – legte den Grundstein für ein internationales Drogenkontrollsystem. Obwohl Cannabis 1912 noch nicht direkt erfasst wurde, öffnete die Konvention die Tür für spätere Erweiterungen. Auf der Internationalen Opiumkonferenz 1925 in Genf wurde Cannabis auf Betreiben Ägyptens und Südafrikas erstmals in ein internationales Kontrollabkommen aufgenommen. Seitdem war der Weg zur globalen Cannabis-Prohibition beschritten.

## Fazit: Kolonialer Widerspruch

Die Kolonialgeschichte von Cannabis ist von einem fundamentalen Widerspruch geprägt: Hanf als Industriepflanze wurde aktiv gefördert und war wirtschaftlich unverzichtbar. Cannabis als Genussmittel der kolonisierten Bevölkerungen wurde hingegen kriminalisiert – oft nicht aus medizinischen Gründen, sondern aus Motiven sozialer Kontrolle, Rassismus und wirtschaftlicher Konkurrenz. Dieses Erbe prägt die internationale Drogenpolitik bis heute.

Über diesen Artikel

Verfasst und geprüft von der Redaktion BlattWerk e.V. — lizenzierte Anbauvereinigung in Hildesheim. Unsere Artikel basieren auf dem aktuellen Stand der Gesetzgebung, wissenschaftlichen Publikationen und unserer praktischen Erfahrung als Cannabis Social Club.

Zuletzt aktualisiert: 2026-06-17 · Hast du einen Fehler gefunden oder fehlt etwas? Sag uns Bescheid

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