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Geschichte & Kultur

Cannabis als Heilmittel durch die Geschichte

Redaktion BlattWerk e.V.10 min LesezeitAktualisiert: 2026-06-17

Seit 5.000 Jahren setzt die Menschheit Cannabis zu Heilzwecken ein – von altchinesischen Pharmakopöen über Kolonial-Arzneibücher bis zur modernen medizinischen Forschung.

Die medizinische Nutzung von Cannabis ist keine Erfindung der modernen Alternativmedizin – sie ist so alt wie die dokumentierte Geschichte der Heilkunde. Kulturen auf allen Kontinenten haben Cannabis in ihrer Medizin eingesetzt, oft mit bemerkenswert präzisen Beobachtungen zu seinen Wirkungen.

## Das Alte China: Erste schriftliche Belege

Der früheste schriftlich dokumentierte medizinische Einsatz von Cannabis stammt aus dem alten China. Das Shennong Bencao Jing (Shennongs Klassiker der Materia Medica), eine der ältesten pharmazeutischen Schriften, die auf ca. 2.700 v. Chr. datiert wird (wenn auch die vorliegende Form aus der Han-Dynastie stammt), beschreibt Cannabis (Má oder Dàmá) ausführlich.

Cannabis wurde im alten China gegen eine Vielzahl von Beschwerden eingesetzt: Rheuma, Malaria, Vergesslichkeit, weibliche Beschwerden und Beriberi (Vitamin-B1-Mangel). Besonders bedeutend ist, dass chinesische Mediziner sowohl die weibliche (THC-reiche) als auch die männliche Pflanze kannten und deren unterschiedliche Eigenschaften beschrieben.

Im 2. Jahrhundert n. Chr. beschreibt der chinesische Arzt Hua Tuo die Verwendung einer Cannabis-Wein-Mischung als Anästhetikum bei chirurgischen Eingriffen – die erste bekannte Beschreibung einer Cannabis-basierten Vollnarkose.

## Indien und das Ayurveda: Bhang, Charas, Ganja

In der indischen Medizintradition (Ayurveda) nimmt Cannabis eine zentrale Rolle ein. Das Atharvaveda (ca. 1.500–1.000 v. Chr.), eines der vier heiligen Veden-Texte, erwähnt Cannabis (Bhanga) als eine der fünf heiligen Pflanzen.

Indische Ärzte verwendeten Cannabis in drei Hauptformen: - Bhang: Eine Paste aus Blättern und Blüten, oft in Milch aufgelöst. Eingesetzt gegen Angst, Fieber, Dysenterie und als Stimmungsaufheller. - Charas: Reines Harz (ähnlich dem modernen Haschisch). Hochpotente medizinische und spirituelle Anwendung. - Ganja: Getrocknete Blüten der weiblichen Pflanze.

Das ayurvedische Werk Sushruta Samhita (ca. 6. Jahrhundert v. Chr.) beschreibt Cannabis als Heilmittel gegen Katarrherkrankungen der Ohren und Trübungen.

## Das islamische Goldene Zeitalter: Ibn Sina und die Pharmakologie

Im islamischen Goldenen Zeitalter (8.–13. Jahrhundert) systematisierten arabische und persische Gelehrte das medizinische Wissen der Antike und erweiterten es erheblich. Ibn Sina (Avicenna, 980–1037), vielleicht der einflussreichste Arzt des Mittelalters, beschreibt Cannabis in seinem Hauptwerk Kanon der Medizin (Al-Qanun fi't-tibb) detailliert.

Ibn Sina beobachtete die harntreibenden, entzündungshemmenden und schmerzlindernden Eigenschaften von Cannabis. Er setzte es gegen Kopfschmerzen, Ohrenerkrankungen und Gonorrhoe ein. Das Kanon-Werk blieb in Europa bis ins 17. Jahrhundert Standardlehrstoff an medizinischen Fakultäten.

## Europa und die Kolonialzeit

Im mittelalterlichen Europa war Cannabis (als Hanf) primär als Nutzpflanze bekannt. Medizinische Anwendungen wurden von Hildegard von Bingen (12. Jahrhundert) beschrieben, die Cannabis gegen Magenbeschwerden empfahl.

Mit der europäischen Kolonialexpansion stieß Europa auf die umfangreichen indischen Cannabis-Medizintraditionen. Britische Kolonialärzte in Indien – besonders William Brooke O'Shaughnessy – führten Cannabis in die westliche Medizin ein. O'Shaughnessy publizierte 1843 eine bahnbrechende Arbeit über Cannabis als Analgetikum und Antiepileptikum. Er demonstrierte erfolgreich Cannabis-Extrakte bei Tetanus-Patienten und Kindern mit Epilepsie.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts war Cannabis-Extrakt in fast jedem westlichen Pharmakopöe-Werk verzeichnet. Cannabis-Tinkturen wurden gegen Kopfschmerzen, Menstruationsbeschwerden, Rheuma, Cholera und viele andere Erkrankungen eingesetzt. Bekannte Hersteller waren Eli Lilly und Parke-Davis in den USA.

## Das 20. Jahrhundert: Kriminalisierung unterbricht die Forschung

Die Kriminalisierung von Cannabis im frühen 20. Jahrhundert – beginnend mit US-amerikanischen Gesetzen und ausgeweitet durch internationale Abkommen – unterbrach die medizinische Forschung für Jahrzehnte. Cannabis verschwand aus offiziellen Pharmakopöen, und klinische Studien wurden faktisch unmöglich.

Erst in den 1960er Jahren begann die moderne wissenschaftliche Untersuchung. Raphael Mechoulam und Yechiel Gaoni isolierten 1964 erstmals THC in reiner Form. 1992 entdeckten Mechoulam und Lumir Hanus das erste körpereigene Cannabinoid: Anandamid – was zur Entdeckung des Endocannabinoid-Systems führte.

## Heute: Renaissance der medizinischen Forschung

Seit der Entdeckung des Endocannabinoid-Systems hat die medizinische Cannabis-Forschung eine Renaissance erlebt. Hunderte klinische Studien zu Schmerztherapie, Epilepsie (besonders CBD bei kindlicher Epilepsie), Chemotherapie-Nebenwirkungen und neurologischen Erkrankungen laufen weltweit.

Das Medikament Epidiolex (reines CBD) wurde 2018 von der FDA für schwere Epilepsie-Formen zugelassen – das erste pflanzlich basierte Cannabinoid-Medikament mit FDA-Zulassung. In Deutschland ist medizinisches Cannabis seit 2017 verschreibungsfähig.

Die Geschichte der medizinischen Cannabis-Nutzung ist damit keine lineare Erfolgsgeschichte, sondern eine Geschichte von Entdeckung, Verdrängung und Wiederentdeckung.

Über diesen Artikel

Verfasst und geprüft von der Redaktion BlattWerk e.V. — lizenzierte Anbauvereinigung in Hildesheim. Unsere Artikel basieren auf dem aktuellen Stand der Gesetzgebung, wissenschaftlichen Publikationen und unserer praktischen Erfahrung als Cannabis Social Club.

Zuletzt aktualisiert: 2026-06-17 · Hast du einen Fehler gefunden oder fehlt etwas? Sag uns Bescheid

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