
Die Blütephase im Detail: Lichtzyklus, wöchentliche Entwicklung, Trichomreifung, Erntezeitpunkt, Spülung und häufige Fehler — aus botanisch-wissenschaftlicher Perspektive.
## Einleitung
Die Blütephase ist der entscheidende Abschnitt im Lebenszyklus der Cannabispflanze. In diesem Zeitraum bilden sich die Blütenstände (Infloreszenz), in denen Cannabinoide, Terpene und Flavonoide produziert und in den Trichomdrüsen gespeichert werden. Die Phase dauert je nach Genetik 7 bis 12 Wochen und erfordert präzise Kontrolle der Umweltbedingungen.
## Der Lichtzyklus: Auslöser der Blütenbildung
Bei photoperiodischen Cannabissorten wird die Blüte durch eine Veränderung des Lichtzyklus eingeleitet. Der Wechsel von 18 Stunden Licht / 6 Stunden Dunkelheit (vegetative Phase) auf 12 Stunden Licht / 12 Stunden ununterbrochene Dunkelheit (12/12) simuliert den kürzer werdenden Herbsttag und aktiviert die Blütenbildung.
Der entscheidende Faktor ist die Länge der ununterbrochenen Dunkelphase. Das Phytochrom-System der Pflanze — ein lichtempfindliches Proteinpaar (Phytochrom Red und Phytochrom Far-Red) — registriert die Dunkeldauer. Bereits kurze Lichtunterbrechungen während der Dunkelphase können das Phytochrom-Gleichgewicht stören und die Blütenbildung verzögern oder Hermaphroditismus (Zwitterbildung) auslösen.
Autoflowering-Sorten bilden eine Ausnahme: Sie beginnen altersbedingt zu blühen, unabhängig vom Lichtzyklus, da sie genetische Anteile von Cannabis ruderalis tragen.
## Woche für Woche: Die Entwicklung der Blüte
Woche 1–2 (Stretch-Phase): Nach dem Umstellen auf 12/12 durchläuft die Pflanze einen deutlichen Wachstumsschub — den sogenannten „Stretch". Die Pflanze kann ihre Höhe um 50–100 % steigern. Erste weibliche Blütenmerkmale (weiße Härchen, sogenannte Pistille oder Stigmen) werden an den Nodien sichtbar.
Woche 3–4 (Blütenentwicklung): Die Pistille verdichten sich zu erkennbaren Blütenständen. Die Trichomproduktion beginnt — zunächst als klare, durchsichtige Drüsenköpfe auf Blütenblättern und kleinen Blättern (Sugar Leaves). Der Nährstoffbedarf verschiebt sich: weniger Stickstoff, mehr Phosphor und Kalium.
Woche 5–6 (Reifephase beginnt): Die Blütenstände nehmen an Dichte und Gewicht zu. Die Trichome erscheinen unter dem Mikroskop milchig-trüb — ein Zeichen dafür, dass die Cannabinoid-Produktion auf Hochtouren läuft. Der Geruch intensiviert sich deutlich, da die Terpenproduktion ihren Höhepunkt erreicht. Die Pistille beginnen sich von weiß nach orange oder braun zu verfärben.
Woche 7–9 (Reifung und Erntezeitfenster): Die Trichome durchlaufen einen Farbwechsel: klar → milchig → bernsteinfarben. Dieses Farbspektrum ist der zuverlässigste Indikator für den Reifegrad. 70–80 % der Pistille haben sich verfärbt. Die unteren Blätter vergilben und sterben ab — dies ist ein natürlicher Prozess, bei dem die Pflanze Nährstoffe in die Blüten umverteilt.
Woche 10+ (Spätblüher): Sativa-dominante Genetiken und bestimmte Landrassen können 10–14 Wochen blühen. Diese Sorten entwickeln oft besonders komplexe Terpenprofile.
## Trichomreifung als Ernteindikatior
Die Beurteilung der Trichome unter einer Lupe (30–60× Vergrößerung) oder einem Taschenmikroskop ist der genaueste Weg, den Erntezeitpunkt zu bestimmen:
- Klare Trichome: Die Cannabinoid-Synthese ist noch nicht abgeschlossen. Zu frühe Ernte ergibt geringere Potenz und ein unausgewogenes Wirkprofil. - Milchig-trübe Trichome: THC-Gehalt auf dem Maximum. Ernte zu diesem Zeitpunkt ergibt das stärkste Wirkprofil. - Bernsteinfarbene Trichome: THC hat begonnen, zu CBN (Cannabinol) zu oxidieren. Höherer Anteil bernsteinfarbener Trichome korreliert mit einem sedierenderem Wirkprofil.
Ein häufig empfohlenes Ernteziel: 70–80 % milchige Trichome, 10–20 % bernsteinfarbene, weniger als 10 % klare.
## Spülung (Flushing)
In den letzten 1–2 Wochen vor der Ernte gießen viele Grower ausschließlich mit reinem Wasser, ohne Nährstoffe — ein Prozess, der als „Flushing" oder Spülung bezeichnet wird. Das Ziel: überschüssige Nährstoffsalze im Substrat und Pflanzengewebe abzubauen, was den Geschmack und die Rauchqualität verbessern soll.
Die wissenschaftliche Evidenz für die Wirksamkeit des Flushings ist begrenzt. Eine viel zitierte Studie von RX Green Technologies (2020) fand keinen signifikanten Unterschied im Mineralstoffgehalt der Blüten zwischen gespülten und nicht gespülten Pflanzen. Dennoch berichten viele erfahrene Grower subjektiv von weicherer Verbrennung und besserem Geschmack. Die Praxis bleibt in der Anbau-Community umstritten.
## Häufige Fehler in der Blütephase
Lichtunterbrechung: Selbst kurzer Lichteinfall während der Dunkelphase kann die Blüte stören. Alle Lichtlecks im Growroom müssen abgedichtet werden.
Überdüngung: Besonders in der späten Blüte ist weniger mehr. Nährstoffverbrennungen zeigen sich als braune Blattspitzen und können den Geschmack negativ beeinflussen.
Zu frühe Ernte: Ungeduld ist der häufigste Anfängerfehler. Ein zu früher Erntezeitpunkt bedeutet geringere Potenz und unreife Terpene. Die Trichomkontrolle unter dem Mikroskop ist unverzichtbar.
Zu hohe Luftfeuchtigkeit: In der späten Blüte sollte die relative Luftfeuchtigkeit unter 40 % liegen, um Botrytis (Grauschimmel) zu verhindern. Dichte Blütenstände sind besonders anfällig.
Hitzestress: Temperaturen über 28 °C in der Blüte können Terpene zerstören und die Trichomqualität beeinträchtigen. Optimal sind 20–26 °C während der Lichtphase.
Über diesen Artikel
Verfasst und geprüft von der Redaktion BlattWerk e.V. — lizenzierte Anbauvereinigung in Hildesheim. Unsere Artikel basieren auf dem aktuellen Stand der Gesetzgebung, wissenschaftlichen Publikationen und unserer praktischen Erfahrung als Cannabis Social Club.
Zuletzt aktualisiert: 2026-04-06 · Hast du einen Fehler gefunden oder fehlt etwas? Sag uns Bescheid
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